Ostern – eine Brücke?

„Am Karfreitag hältst du deinen ersten Gottesdienst.“ Das sagte der Pastor zu mir, bei dem ich meine Vikariatsausbildung machte. Und er fügte an: „Am Karfreitag kann man gut predigen, denn deine Hörer können leicht an das anknüpfen, was du sagen wirst.“ Er meinte damit, dass Unrecht und Ungerechtigkeit, Leid, Hilflosigkeit und die Erfahrung, jemanden an den Tod zu verlieren, Dinge sind, die alle kennen.
Von Ostern zu reden, oder vom Weg, der von der Passion und vom Leiden zur Auferstehung führt, das ist viel schwieriger, besonders dann, wenn das Osterwunder ohne es zu zerreden so erzählt werden soll, dass es die Menschen berührt. Denn wie erzählt man von einem Mysterium?! Ich weiß es bis heute nicht. Versuchen will ich es trotzdem. Vielleicht geht es ja so:

Im September 1970 war Paul Simon zu Gast in einer Fernsehshow. Er war der Songschreiber und einer der beiden Sänger von Simon & Garfunkel. Das Duo war mit Hits wie Mrs. Robinson und Sound of Silence berühmt geworden. Nun hatten sie einen nächsten Song produziert, der die Charts stürmte: Bridge over Troubled Water. Und so saß Paul Simon beinahe verschämt, mit schüchternem Blick und Pagen-Frisur auf dem roten Polsterstuhl im Fernsehstudio und ließ sich interviewen.
Nach ein wenig einleitender Konversation, die schon ahnen ließ, dass das Gespräch eher tiefgründig und zerbrechlich als überschwänglich locker verlaufen würde, fragte der Moderator nach dem neuen Hit. Das an sich wäre nichts Besonderes. Aber die Art wie er fragte, ist bemerkenswert. Er sagte: „Es gab eine Zeit auf der Welt, da gab es das Lied nicht. Und auf einmal war es da. Woher kam es? Was ist passiert?“

Es gab eine Zeit, da gab es Ostern nicht. Und auf einmal war es da. Was ist passiert?

Paul Simon griff sich seine Gitarre und versuchte zu erklären. Er spielte ein paar Akkorde und fing mit leiser Stimme an zu erzählen. Er erzählte davon, wie er vor sich hin probierte bis eine kleine Melodie auftauchte. Dann sang er diese Melodie. Und das, was er sang, waren die ersten vier Takte von O Haupt voll Blut und Wunden. Das ist ein Passionslied, das Johann Sebastian Bach als Choral in seine Matthäuspassion aufgenommen hatte und das in sehr eindringlichen Worten über das Leiden und Sterben Jesu meditiert. Das also war der Anfang, aus dem etwas Neues wurde!
Der Anfang war Passion, das Leiden.

1969, als Paul Simon das Lied schrieb, lagen die Morde an John F. Kennedy und Martin Luther King noch nicht lange zurück. In Vietnam tobte der Krieg. Und die Stimmung in den USA war wegen der Rassenkonflikte angespannt. Das Land steckte fest: in Gewalt und in einer Spaltung der Bevölkerung und es suchte verzweifelt nach Wegen, die aus dieser Lage herausführten. Und auch Paul Simon, der Liederschreiber, sagte: „I was stuck – Ich steckte fest.“ Und als der Moderator nachfragte, was das denn bedeute, antwortete er: „Überall, wohin ich ging, wollte ich nicht sein.“
Genau so ist das Leben manchmal. Du steckst fest und suchst nach einem Ausweg. Doch egal, wohin du gehst: Es geht nicht weiter, wird nicht besser, wird nicht anders. Da ist nur Passion, hilflos, verzweifelt und leidend.

I was stuck – Ich steckte fest.

„Und dann?“, fragte der Moderator. Und Paul Simon sagte: „Dann weiß ich auch nicht, was genau passierte. Ich hörte eine Zeit lang immer wieder eine Gospel-Platte, bis ich sie auswendig kannte. Und irgendwann hörte ich dabei die Worte: I’ll be a bridge over deep water if you trust in my name – Ich werde die Brücke sein, die über tiefes Wasser führt, wenn du an mich glaubst. Und dann war alles da, die Musik und die Worte. Alles war da. Danach ging es weiter…

Danach ging es weiter. Das ist Ostern.

Es ging weiter mit Trost-Worten und mit einer Hoffnung. Und Paul Simon dichtete und sang:

„Wenn du müde bist, dich klein fühlst, und wenn Tränen in deinen Augen sind, dann werde ich sie alle trocknen. Ich bin auf deiner Seite. Wenn die Zeiten hart werden und wenn Freunde einfach nicht zu finden sind, dann werde ich mich wie eine Brücke über tosendes Wasser legen. …


Eine Brücke über tosendes Wasser … vielleicht ist genau das passiert, an Ostern.

Ihr Pastor
René Enzenauer

Pastor René Enzenauer Kirchberg 5 21521 Wohltorf