Predigt über Hiob 19, 19-27

Predigt über Hiob 19, 19-27

Liebe Gemeinde,

in dem Dorf, in dem ich groß geworden bin, gab es eine Frau, die innerhalb kürzester Zeit alt geworden ist. Die Haare wurden grau und ihr Gesicht ohne jede Lebensfreude mit tiefen Falten auf der Stirn und müden Augen – und das innerhalb weniger Wochen. Ihr Mann hat sich mit Freunden auf den Weg zu einer sommerlichen, mehrtägigen Radtour gemacht und ist nicht mehr zu ihr zurückgekehrt. Er hatte einen Herzinfarkt. Ohne jede Vorwarnung. Man konnte nichts mehr für ihn tun.
Von einem Tag auf den anderen war die Frau Witwe – und das mit Mitte 40.

Alle hatten Mitleid mit ihr und waren sehr betroffen. Das ganze Dorf war auf der Beerdigung, die Nachbarn haben Hilfe angeboten. Durch den Schicksalsschlag sind alle ein ganzes Stück zusammengerückt.

Bis irgendwann, Monate später, die ersten zu tratschen begonnen haben, wenn die Frau beim Bäcker den Laden verlassen hat: „Meine Güte, die trägt ja immer noch schwarz und macht so ein Gesicht. Es muss doch irgendwie weitergehen!“
Am schlimmsten fand ich damals bei allen Lästereien die, die nach dem Gottesdienst die Augen verdreht und gemeint haben: „Ja, ja. Die ist jetzt besonders fromm geworden, rennt in jeden Gottesdienst und betet extra laut mit.“

Auch mir ist ihre Stimme aufgefallen beim Vaterunser und beim Glaubensbekenntnis. Klar und deutlich hat man sie rausgehört. Und ja, irgendwie hat das gestört. Das stimmt schon. Denn immer wenn man sie gehört hat, konnte man gar nicht anders als daran denken, was ihr passiert ist.

Auszuhalten, dass es einem anderen schlecht geht, fällt im ersten Moment vielleicht leicht. Auf Dauer aber wird es anstrengend und manchmal sogar lästig.

Menschen entwickeln da unterschiedliche Strategien um damit umzugehen. Manche wechseln die Straßenseite, wenn sie die jungen Eltern sehen, die gerade ihr Kind verloren haben. Andere schütten gutgemeinte Ratschläge über den Mann aus, der seine Frau nicht mehr länger selbst zu Hause pflegen kann.
Am schlimmsten aber sind – mit Abstand – Hiobs Freunde, wenn sie sich nicht mal mehr im Stillen denken, sondern sogar noch laut aussprechen: „Na, irgendetwas muss er ja angestellt haben, wenn Gott ihn straft.“ Es muss ja einen Grund haben, dass es ihm so schlecht geht. Oder zumindest einen Sinn muss es haben, den man zwar jetzt noch nicht sieht, aber den man nur finden muss.

Die Freunde sind grausam und das Schlimmste ist: Sie merken es nicht einmal. Hiob geht es schon schlecht. Und „schlecht“ ist nicht einmal der richtige Ausdruck für das, was er erlebt:
Die ihm wichtigsten Menschen haben sich nicht nur von ihm abgewandt. Nein, sie stellen sich sogar gegen ihn. Und er selbst scheint wirklich eine Zumutung für seine Mitmenschen zu sein. Grauenvoll entstellt muss er aussehen: Nur noch Haut und Knochen. Die anderen ekeln sich und wenden sich ab.

Als ob er damit nicht schon genug zu tun hätte, bauen sich da auch noch seine drei Freunde vor ihm auf um ihm ihren eigenen Prozess zu machen. Was könnte er falsch gemacht haben? Es muss doch einen Grund dafür geben, dass Gott ihn so straft.
Die drei Freunde können nicht aushalten, was Hiob und unzählige Menschen vor und nach ihm am eigenen Leib ertragen müssen: sinnloses Leid.
Leid, Elend, Krankheit, Schmerzen, Schicksalsschläge, für die es keinen Grund und keinen Schuldigen gibt.

Ich hab mich damals gefragt, ob die Frau das Lästern gehört hat. Vielleicht ist ihr das entgangen. Die Seitenblicke hat sie aber sicherlich gespürt. Und dass sie manchen Ratschlag bekommen hat, weiß ich auch.

Jemand, der nicht in so einer Situation ist, hat aber auch leicht reden. Wer kann sich schon vorstellen, wie es ist aus dem Nichts heraus den eigenen Mann zu verlieren, den Partner an der Seite, mit dem man noch Jahrzehnte durchs Leben gehen wollte?
Niemand, der es nicht selbst erlebt hat.
Die, denen das Leben nicht den Boden unter den Füßen weggezogen hat, haben wirklich leicht reden.

Manche Menschen, die mir davon erzählen, wie andere die Straßenseite wechseln oder sie meiden, sagen auch, dass sie absolut keine Kraft übrig haben um da etwas zu sagen oder offensiv auf diese Menschen zu zugehen. Verdenken kann man es ihnen nicht.

Ich staune, wieviel Energie in Hiob steckt, der trotz allem so starke und treffende Worte findet. Das ist Hiobs Weg mit dem Leid umzugehen. Es scheint ihm zu helfen, denn mitten in all seinem Jammer blitzt ein Funken Hoffnung durch: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, sagt er und wendet sich in tiefem Glauben ausgerechnet dem Gott zu, der die Verantwortung für seine furchtbare Lage trägt.

Wie kann sie nur mit so festen Worten beten, bei all dem, was ihr passiert ist, hab ich mich damals auch gefragt. Hätte Gott denn nicht verhindern können, dass ihr Mann stirbt. Es hätte doch für Gott ein Leichtes sein müssen. Schließlich sagen wir, dass er allmächtig ist.

Ich kann und will mich in keiner Weise in ihre Situation hineinversetzen. Aber wenn ich nur zu vermuten beginne, wie es mir gehen würde, bin ich mir sicher, dass mein Vertrauen in Gott fürchterlich erschüttert würde. Wer weiß, vielleicht würde ich ihm erstmal gar nicht mehr vertrauen?! Wahrscheinlich würde es lange dauern, bis ich wieder daran glauben könnte, dass er es gut mit mir meint. Hiob ist sich da zwischenzeitlich auch nicht sicher. Er hadert mit Gott, klagt ihn an und zeigt so, dass er mehr als ein bloßer Spielball ist, der vom Schicksal hin und her geschubst wird.

Hiob behält seine Würde trotzt seines schrecklichen Zustands. Er gibt sich selbst nicht auf, sondern erinnert Gott daran, dass er noch da ist und auf eine Antwort wartet.
„Du hast mich als dein Gegenüber geschaffen“, ist die Aussage, die durch alles hindurchscheint, was Hiob sagt. Er erinnert Gott an sich selbst und macht Platz für Sehnsucht und Hoffnung.

Im Prinzip tun wir genau das in jedem Gottesdienst. Wir kommen in die Kirche um Gott zu begegnen, ja. Ihn wollen wir „sehen“. Und gleichzeitig soll er uns sehen.

Vielleicht hat das damals auch die Frau gespürt, als sie so viel häufiger als früher in den Gottesdienst gegangen ist. Ob es ihr bewusst war, weiß ich nicht.

Was im Lauf der Zeit ihre Wunden geheilt hat, kann ich auch nicht sagen. „Die Zeit heilt alle Wunden“, sagen manche und sollten sich ähnlich wie Hiobs Freunde mit ihren Aussagen, wohl besser zurückhalten.

Wer nicht selbst im Leid drinsteckt, schweigt wohl besser, als dass er urteilt. Er hört besser zu als klug daher zu reden.

Denn von einem Menschen, dem im Leben übel mitgespielt wurde, kann man selbst etwas lernen. Er hat mir eine Erfahrung voraus, die ich selbst nicht kenne.
Wenn ich an die Frau denke, beeindruckt mich bis heute, wie sehr sie in allem am Glauben festgehalten hat.
Dass ich, wie sie, in einer solchen Situation Halt finden würde, darauf kann ich nur hoffen.

Amen