pfarramt
Posts by :
Mein Herz behüten
„Weine, und du weinst allein.“ Weinen macht eher einsam. Auch wenn manchmal Weinende sehr viel Anteilnahme und Zuwendung erfahren. Meist werden weinende Menschen eher gemieden. Wie spreche ich die bloß an? Ich will den doch nicht verletzen, ihm nicht weh tun. Doch manchmal ist Weinen wirklich heilsam und wichtig. Weinen befreit von der Trauer, die in mir ist. Löst die Traurigkeit. Tränen sind die Perlen der Trauer, heißt es. Das Herz wird leichter, findet zur Heiterkeit zurück. Zur Freude. Zum Lachen.
Im Buch der Sprüche heißt es: „Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus quillt das Leben.“ (Sprüche 4,23) Mein Herz behüten. Mit allem Fleiß! Mit offenem Herzen und wachem Verstand durchs Leben zu gehen. Bei jeder Entscheidung überlegen, was entsteht daraus, jetzt und in Zukunft. Meinem Herzen treu bleiben – und der Liebe. Umkehren, wenn ich irrte. Ich habe es leider nicht besser gewusst. Und gerade dann: mein Herz behüten. Gut darauf aufpassen, denn es ist das Kostbarste was ich besitze.
Mein Herz behüten. Mein offenes Herz. Es vor mir tragen wie eine kleine Blüte, die in all meinen Farben gleichzeitig leuchtet. Rot, Lila, Grün, Blau, Türkis, alles, was ich bin. Je mehr ich mich öffne, je heller scheint sie. Bei Regen macht sie lieber zu. Kaum scheint die Sonne wieder, blüht sie umso heller. Mein offenes Herz behüten. Die Wunder um mich herum erkennen. Die andern so sehen, wie sie wirklich sind. Neugierig, wild und frei ist mein offenes Herz. Und sehr verletzlich. Offen bleiben.
Mein Herz behüten. Mein mutiges Herz. Angst zu haben gehört dazu. Manchmal bin ich starr vor Angst. Meine Knie schlottern. Mir fehlt mir die Luft zum Atmen. Es schnürt mir buchstäblich die Kehle zu. Mein mutiges Herz behüten. Ruhig bleiben, meine eigene Wahrheit finden. Sie laut in die Welt sagen. Meine Stimme mag anfangs zittrig und zaghaft sein. Doch mit jedem Mal wird sie kräftiger sein und stärker. So wie ich. Unbedingt mutig sein!
Mein Herz behüten. Mein ehrliches Herz. In allen Dingen die Wahrheit zu finden suchen. Auf die Menschen und die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln schauen. Daran denken, die Wahrheit ist immer eine Summe aus vielen Wahrheiten. Mein ehrliches Herz behüten. Und auf der Hut sein, dass es sich dabei um Wahrheiten handelt, die aus reinen Herzen entspringen. Alles andere entfernt mich nur davon.
Mein Herz behüten. Mein mitfühlendes Herz. Fühlen, was die Menschen und Tiere bewegt. In Verbindung bleiben. Die Verbindung zueinander ist wie der Puls, der uns antreibt, der alles ausmacht. Mein mitfühlendes Herz behüten. Dass es warm bleibt, auch wenn um mich alles gefroren scheint. Gut für mich sorgen. Und für die Menschen in meiner Nähe. Und für die, die ich gar nicht kenne. Zuhören! Hinsehen! Mitfühlen!
Mein Herz behüten. Mein großzügiges Herz. Geben! Wirklich und aufrichtig geben, so oft ich kann. Am besten ohne Grund geben, einfach, weil ich nicht anders kann. Einfach da sein, wenn ich helfen kann. Wenn ich mehr tun kann als gewöhnlich, handeln, ohne lange drüber nachzudenken. Mein großzügiges Herz behüten. Es gibt mehr Gelegenheiten dafür, als ich denke. Oder ahne.
Mein Herz behüten. Mein vergebendes Herz. Nicht vergeben zu können, bedeutet an alten Wunden und Mustern festzuhalten. Wir alle sind Menschen, wir alle machen Fehler. Versuchen, daraus zu lernen. Mein vergebendes Herz behüten. Den gleichen Fehler nicht wieder machen. Mir selbst vergeben. Und den anderen. Vergeben bedeutet nicht vergessen. Vergeben bedeutet wirklich frei sein.
Mein Herz behüten. Mein freies Herz. Immer und jederzeit bereit die Richtung zu ändern. Einen neuen Kurs einzuschlagen. Manchmal ändert sich die Art, wie ich denke und fühle, ganz plötzlich, über Nacht. Mein freies Herz behüten. Bereit bleiben, alles Gewohnte hinter mir zu lassen. Sehen, wie verbunden wir alle in Wahrheit sind. Wie viel wir uns bedeuten. Groß träumen. Sich dem Leben anvertrauen, ohne wenn und aber.
Mein Herz behüten. Mein liebendes Herz. Enthält alles. Ist offen, mutig, ehrlich, mitfühlend, großzügig, vergebend und frei. So wie die Farben eines bunten Regenbogens. Mein liebendes Herz schlägt laut und gleichzeitig leise. Bringt immer neue Wunder hervor. Ist doch selbst das größte Wunder! Mein liebendes Herz behüten. Zu lieben versuchen, wie nur ich es kann. Mit jeder Faser. Mit meiner ganzen Seele. Am Ende zählt das. Wie sehr wir geliebt haben.
Wen da dürstet, der komme zu mir!
Wie die Schrift sagt: von dessen Körper werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten.
(Joh 7, 37-39)
Durst! Ich erinnere mich an eine lange heiße Wanderung, wo uns das Wasser ausging. Schnell waren die Getränkeflaschen leer. „Man kann doch aus jedem Bach trinken“, dachte ich. Doch es kam kein Bach, keine Quelle. Auch kein Kiosk, kein Gasthaus. Nichts, kein Tropfen. Stunden lang. „Wen da dürstet, der komme zu mir!“, ruft Jesus.
Durst! Jesus meint wohl einen anderen Durst. Johannes erklärt: Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten. Durst nach Geist? Nach dem Geist? Wer spürt diesen Durst? Viele haben ihn sich abgewöhnt. Weil man gar nicht mehr weiß, ob da noch was ist, über das Materielle hinaus.
Durst! Durst nach Geist! Wir bekommen ja eingehämmert: Menschen sind eigentlich nur Maschinen. Die man reparieren kann, verbessern. Durch eine biochemische Ergänzung, die wird zugeführt und die Abwehr steht wieder. Wie bei einer Rückrufaktion fürs Auto. Wer so denkt, tut sich schwer mit dem Geist.
Durst! Und doch gibt es Menschen, die spüren den Durst: „Unruhig bin ich, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig. Ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle. Hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen. Dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe. Zitternd vor Zorn über Willkür und Kränkung. Ohnmächtig wartend auf große Dinge. Zu müde, zu leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen.“
Durst! So beschrieb es Dietrich Bonhoeffer, nach Monaten im Gefängnis. Wie ein Vogel im Käfig, nach Atem ringend, hungernd nach Farben, Blumen, Vogelstimmen. Geht es da um Geist? Ist nicht das, wonach sich Bonhoeffer in seiner Zelle sehnt, sehr handfest, körperlich, materiell? Vielleicht stellen wir uns den Geist zu flüchtig vor. Jesus ruft ja: Wen da dürstet, der komme zu mir! Und es trinke, wer an mich glaubt!
Durst! Wie die Schrift sagt: von dessen Körper werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Von dessen Körper! Dies lebendige Wasser ist nichts Nebulöses. Und der Körper keine Maschine. Das Eigentliche in uns Menschen, das wirklich Verlässliche sind nicht Fleisch und Blut, Haut und Knochen, Zellen und Moleküle. Das Eigentliche in uns Menschen ist etwas, was nicht zu fassen ist; etwas Geistiges. Und doch da ist: unser Wesentliches, unser Selbst.
Durst! Der Durst, den Jesus meint, der Durst, den Bonhoeffer in seiner Zelle spürte, die Sehnsucht nach dem Eigentlichen: Farben, Blumen, Vogelstimmen, gute Worte, menschliche Nähe – alles nicht fassbar, aber so wichtig. Wen da dürstet, der komme zu mir! Um Jesus zu verstehen, hilft es sich selbst neu zu verstehen. Sonst nehmen wir wahrscheinlich nicht einmal den Durst wahr, von dem Jesus spricht.
Durst! Wasser zum Trinken habe ich. Sogar Kaffee. Und zu essen. Und Geld, mit dem ich mir das, was ich so brauche, kaufen kann. „Stell dich nicht so an! Dir fehlt doch nichts!“ Doch warum bin ich unruhig? Sehnsüchtig und krank wie ein Vogel im Käfig? Warum ringe ich nach Lebensatem? Warum hungere ich nach Farben, Blumen, Vogelstimmen? Warum dürste ich nach guten Worten, menschlicher Nähe? Warum zittere ich vor Zorn über willkürliche Maßnahmen?
Durst! Ja. Wär ich eine Maschine, ginge es mir gut. Aber ich bin ein Mensch und dürste! Brauche mehr als satt und sauber und Kaffee zum Trinken. Weil ich eben dieses Geistige bin. Jesus ruft: Wen da dürstet, der komme zu mir! Und es trinke, wer an mich glaubt! Glauben – das ist Vertrauen. Nicht irgendwem. Bloß nicht jedem blind vertrauen. Aber Jesus! Wunderbar. Ich lasse mich fallen. Da bin ich geborgen. Überlasse mich dem, der mich kennt. Der weiß, was ich brauche. Das ist wie Trinken nach einer stundenlangen Wanderung in der Hitze! Frisches, klares Wasser!
Doch wie soll das gehen: Zu Jesus kommen, ihm vertrauen? Aber der ist kein lebendiges Gegenüber. Doch! Wenn ich mich neu sehen lerne – als im Wesentlichen etwas Geistiges, dann wird es anders. Dann steht mein nicht fassbares Inneres dem nicht fassbaren Jesus ganz direkt gegenüber. Der Weg zu Jesus ist offen. Wer Jesus vertraut, wird selbst zur Quelle lebendigen Wassers. Nicht im nebulös-übertragenen Sinn. Sondern: Von dessen Körper, sagt Jesus, fließt das lebendige Wasser anderen zu.
Eine Umarmung fällt mir ein. Eine Umarmung ist nicht in Worte zu fassen. Etwas Körperliches geschieht, vom geistförmigen Eigentlichen der einen zum Eigentlichen des anderen. Darum berührt eine Umarmung so tief. Ja, Durst ist auch etwas Gutes. Wenn ich spüre, dass ich etwas Geistiges bin. Wenn ich beginne zu vertrauen. Jesus zu vertrauen. Und spüre, wie bei mir die lebendigen Ströme fließen. Wer bin ich? Eine, die dürstet! Eine, die zu Jesus kommt und trinkt. Eine, von der Ströme lebendigen Wassers fließen! Eine, ein Mensch wie Du!
Von den Rosen
Von den Rosen erzählt eine Geschichte über den Dichter Rainer Maria Rilke: „Gemeinsam mit einer jungen Französin kam er (Rilke) um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgendeinem Geldgeber je aufzusehen, ohne eine anderes Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern, saß die Frau immer am gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück.
Eines Tages fragte die Frau verwundert nach dem Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab zur Antwort: ‚Wir müssten ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.‘ Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen. Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber an, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon.
Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Vergeblich suchte die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Alten ein Almosen gebe. Nach acht Tages saß plötzlich die Bettlerin wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie damals, wiederum nur ihre Dankbarkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand. ‚Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?‘ fragte die Französin. Rilke antwortete: ‚Von der Rose‘.“
Da sprach eine Rose mehr als alle anderen milden Gaben. Was die Rose der Bettlerin wohl erzählt hat? Vielleicht: „Guten Tag, Du Liebe, hier bin ich, Deine Rose. Wunderschön – und nur für Dich! Ich will Dein Herz erfreuen, Dein Leben hell machen und freundlich, will Dir neuen Mut schenken. Ich bin für Dich da – nur für Dich.“
Und ich höre die Rose, wie sie weiter spricht: „Atme all das aus, was Dein Leben so oft so schwer macht. Atme meine Schönheit ein, meinen Duft – so zart, so unaufdringlich und doch so betörend schnupperbar. Schau Dir meine Farben an: das Grün meiner Blätter, das zarte Rot meiner Blüte.“ Und habe die Bettlerin vor Augen, wie sie ihre Rose betrachtet, sie bewundert und genießt, schaut und schnuppert.
Und ich sehe die Bettlerin, wie sie ihre Rose berührt. Ganz vorsichtig. Sie ist ja so zart. Wie sie den Stiel ertastet. Mit den Dornen. Die scharf sind und stechen, die eine zum Bluten bringen, wenn sie nicht acht gibt. Die verletzen können. So wie ich und Du oft andere verletzen – und uns selbst. Wie sie die Blätter befühlt. Die Blätter, mit denen die Rose atmet. Fast wie Samt fühlen die sich an. Die Rose streckt ihre Blätter aus, so als ob sie ihr ihre Hand reicht, über alle Verletzungen hinweg.
Wie sie die Blüte berührt. Ganz fein und zart ist sie, voller Farbe. Wie sie duftet! Wie sie sich ihrer Rose zuwendet, diesem Zeichen, in dem die Schöpfung Gottes uns anschaut. Diesem Zeichen, verletzend und doch voller Ausstrahlung, scharfkantig und zärtlich. Wie sie ganz still wird, und eins mit ihrer Rose. Wie sie ihre Rose aufbewahrt, ins Wasser stellt, gut pflegt und behütet.
Und ich male mir aus, wie die Bettlerin sich an eine andere Rosengeschichte erinnert, an die vom kleinen Prinzen und seiner Rose. „Der kleine Prinz hatte auf seinem Planeten eine einzige Rose. Für diese Rose hatte er gesorgt und sie sehr lieb gewonnen. Nachdem er seine Rose wieder gesehen hatte, ging er zu den 5000 Rosen und sagte zu ihnen: ‚Ihr gleicht meiner Rose gar nicht, ihr seid noch nichts. Niemand hat sich euch vertraut gemacht und auch ihr habt euch niemandem vertraut gemacht.‘
Und er kam zum Fuchs zurück, der ihm erklärte: ‚Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.‘ ‚Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar,‘ wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken. „Die Menschen haben das vergessen“, sagte der Fuchs.
‚Aber du darfst es nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich.‘“
Ob die Bettlerin wohl mit ihrer Rose gebetet hat? Vielleicht. Vielleicht so: „Du, Gott, Quelle allen Lebens, sorgst für mich. Dafür danke ich dir und bitte: für mich und für alle, dass unsere Liebe täglich neu aufblühe und wachse. Dass ich erlebe, meine Liebe und Hingabe werden wertgeschätzt. Dass ich so wie Du, liebe Rose, Wärme, Licht und Wasser zum Wachsen bekommst, Menschen begegne, die mich stützen, mir Geborgenheit schenken. Amen.“
Gottes Ohren oder Gott hört zu!
„Oh, das passt wirklich gut. Ich bin Herr P. Haben Sie vielleicht etwas Zeit?“ Wir geben uns die Hand, ich setze mich wieder. Am Tisch im Krankenzimmer können wir gut miteinander reden. Und Gott hört zu.
Ganz blass ist Herr P. Beginnt zu erzählen. Gerade käme er vom Arzt. Der habe ihm seine Diagnose mitgeteilt. Krebs, Endstadium. Da könne man gar nichts mehr machen. Nur noch die Symptome lindern. Ein Monat bliebe ihm wohl noch, habe der Arzt vorsichtig angedeutet. Oh je, er könne es noch gar nicht fassen. So alt sei er ja noch gar nicht, erst Anfang 60. Und seine Frau, wie solle er das bloß seiner Frau beibringen? Und Gott hört zu.
Und er redet und redet, erzählt von seiner Frau, wie sie sich kennenlernten. Von der Heirat, von der Geburt der beiden Kinder. Vom harmonischen Leben in der Familie. Wie die Kinder ihren Weg ins Leben fanden. Von seinem Beruf berichtet er, in dem er viel Erfüllung fand. Ach ja! Und Gott hört zu.
Bis in seine Kindheit gehen seine Gedanken zurück. Seine lieben Eltern, beide schon tot, sein Bruder, der weit weg wohnt. Wie es ihm als Jugendlicher erging, wie es in der Schule war und später dann in der Ausbildung. Und Gott hört zu.
Seine ganze Lebensreise! Herr P. breitet alles aus, was ihm gerade einfällt und durch den Kopf geht. Ich muss wenig tun, nur zuhören. Ganz selten nur frage ich ihn etwas zum besseren Verstehen. Und Gott hört zu.
Geschichten fallen ihm ein. Das Leben blättert sich auf. Das was war, ist wieder ganz nah. Seine Wangen röten sich. Da ist noch viel Leben in ihm. Und Gott hört zu.
Irgendwann sieht er auf seine Uhr. Springt auf. „Frau Pastorin, nun hören Sie mir nun schon so lange zu. Danke für die Zeit. Für Ihr Zuhören. Jetzt weiß ich, wie ich es meiner Frau sagen werde.“
„Gerne, das ist doch meine Aufgabe. Hier im Krankenhaus, als Seelsorgerin. Ich habe zu danken. Für Ihre Offenheit, für Ihr Vertrauen.“ Und mutig frage ich: „Darf ich Sie segnen?“ Er nickt mit glänzenden Augen. Kommt noch einen Schritt näher, schließt die Augen. Warm lege ich meine Hand auf seinen Kopf. Mit dem Daumen male ich langsam ein Kreuz auf seine Stirn! „Gott segnet dich und ist immer für dich da!“ Er schluckt schwer. Dann nickt er. „Danke“, sagt er und schaut mich an.
Und Gott hört zu. „Ich liebe, weil Gott meine Stimme, mein Flehen hört. Weil Gott sein Ohr mir zuneigt.“ (Ps 116,1.2a)
Uns allen blüht – das Leben!
So vieles blüht jetzt. Es ist eine wahre Freude. All die Blumen, Narzissen, Tulpen, Hyazinthen, Vergissmeinnicht und wie sie alle heißen. Das Leben siegt. Zeigt sich von seinen besten Seiten. Das Leben blüht. Uns allen blüht – das Leben! Eine alte Überschrift, aus 1979, vom Nürnberger Kirchentag. Mit einem Fest für die Lebenden, ein Abend, der mich – ich war 21 Jahre alt – tief beeindruckte.
Uns allen blüht – das Leben! Hoffnungsvoll singe ich: „Fürchte Dich nicht, Du gehst nicht verloren. Bleib bei den Traurigen, teile ihr Unglück. So groß die Liebe, so groß der Schmerz.“ „Uns allen blüht der Tod – ein Fest für die Lebenden“, steht auf der Platte, die ich im Laufe der Jahre immer wieder anhörte. Und laut mitsang. „Hört zu, die ihr lebt in dieser Zeit, einfache Leute und Herrschaften, alt und jung miteinander, uns allen blüht – der Tod!“
Uns allen blüht – der Tod! Die ersten Lieder erzählen vom Sterben und vom Tod. Von jungen und von alten Menschen. Von Krankheiten, Unfällen und Kriegen. Von der Macht des Todes mitten im Leben. All die Abschiede und Ängste, die unsinnigen Kämpfe und zerbrochenen Lieben. Uns allen blüht – der Tod! Scheinbar kein Entkommen. Selbst dann nicht, wenn ich ihn mit aller Macht aus dem Leben verbannen will. Uns allen blüht – das Leben! Unsere Lebenserwartung ist unvorstellbar gestiegen, der Tod aus unserm Alltag verschwunden. An seine Stelle trat die Angst vorm Sterben, vor Schmerzen und Leiden, vor Verletzlichkeit und Dahinsiechen. Nicht der böse, schnelle Tod macht uns zu schaffen. Eher die langsam ins Leben einsickernde Krankheit, das Vergessen im Alter. Was ich nicht in der Hand habe, wo ich keine Kontrolle mehr habe, da kriege ich Angst. „Hört zu, die ihr lebt in dieser Zeit, einfache Leute und Herrschaften, alt und jung miteinander, uns allen blühn – die Folgen!“
„Ihr kommt mir in den Sinn, Ihr Diakonissen, ihr Nonnen, Sozialarbeiter, Ihr tröstenden Hände für viele Schmerzen. Ihr kommt mir in den Sinn, Ihr letzten Menschen, die ihr einfach und ehrlich Jesus nachzuleben versucht – fremd und verloren“, singt es von meiner alten Platte. In den 42 Jahren seither ist die Zahl der Diakonissen und Ordensschwestern in den Krankenhäusern rapide geschrumpft. Im gleichen Maße wie der Wachstumswahn wuchs – nicht nur der Finanzwirtschaft, auch der Gesundheitsbranche. Uns allen blühn – die Folgen!
„Wenn es so weit sein wird mit mir, brauche ich den Engel in Dir. Bleibe still neben mir in dem Raum, jag den Spuk, der mich schreckt, aus dem Raum. Zünd ein Licht an, das Ängste verscheucht, mach die trockenen Lippen mir feucht. Wenn es so weit sein wird mit mir, brauche ich den Engel in Dir“, singt es auf meiner alten Platte vom Sterben. Und im selben Atemzug vom Leben: von Fürsorge und Pflege und Nähe. Und von der Gegenwart der Engel. Uns allen blüht – Heilung!
„Wenn es so weit sein wird mit mir, brauche ich den Engel in Dir. Wisch mir Tränen und Schweiß vom Gesicht, der Geruch des Verfalls stört Dich nicht. Wenn es so weit sein wird mit mir, brauche ich den Engel in Dir.“ Wenn ich unter Belastungen zusammenbreche, brauche ich einen, der mit trägt. Wenn ich Blut und Wasser schwitze, brauche ich eine, die mir den Schweiß abwischt. Das Leben fördern und nicht verhärten. Und durchlässig bleiben für den Schmerz des Lebens, menschlich bleiben, der andern, dem andern zum Engel werden. „Hört zu, die ihr krankt an dieser Zeit, einfache Leute und Herrschaften, alt und jung miteinander , uns allen blüht – Heilung!“
„Wo kommt das Leben her, wo wird es bleiben? Atem sprudelnden Geistes, du verwandelst uns. Aus dem Stein wird ein Herz. Auf deinen Spuren, Jesus, weg von den Toten. Da kommt das Leben her, da wird es bleiben.“ Von Ostern her leben. Und blühen. Und darauf vertrauen: „Hört zu, die ihr sterbt an dieser Zeit, einfache Leute und Herrschaften, alt und jung miteinander, uns allen blüht – das Leben!“
Freude zieht ins Leben ein
„Eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.“
Wie soll das gehen? Ich kann viele Erfahrungen erzählen, die voller Trauer sind. Aber wo ist in solchen Situationen die Freude? Ist das nicht ein bisschen zu viel verlangt? Fragen drängen sich angesichts dieses Bibeltextes aus dem Johannes-Evangelium auf. Aber nicht ich selbst bin der Mittelpunkt, sondern Jesus und seine Jünger damals vor Jesu Kreuzigung. Immer wieder werden in Bibelauslegungen die Jünger damals und wir heute gleichgesetzt. Das klappt aber nicht so einfach. Zu unterschiedlich sind Lebens- und Erfahrungswelten. Das Einzige, was uns mit den Jüngern kurz vor Karfreitag und Ostern verbindet: Wir verstehen nicht, was Jesus sagt, was er meint. Jesus redet von sich und seinem Weg, und ich beziehe es auf mich und meinen Weg. Jesus redet von seinem Tod und seiner Auferstehung, und ich denke an meine Schmerzen und meine Lebensfreude. Dabei wünsche ich mir so oft, in Emmaus dabei gewesen zu sein. Ich wäre gern mit Jesus nach Ostern übers Land gezogen, hätte mit ihm geredet. Ob ich den Auferstandenen erkannt hätte? Und schon wieder habe ich mehr Fragen als Antworten. Passion und Ostern sind schwer zu begreifen. Da bin ich den Jüngern nahe, auch mit dem Erstaunen der Fragenden: Brannte in uns nicht das Herz, als Jesus mit uns redete? Also suche ich solche erstaunlichen Momente, in denen ich mich bei Gott wiederfinde. Da erlebe ich, was Freude in Gottes Sinn ist. Dann kann auch meine Trauer mich nicht niederdrücken und Freude kann wieder ins Leben einziehen.
Carmen Jäger
Auf die Liebe setzen
Auf die Liebe setzen
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Lese ich in der Bibel. Im Römerbrief. 76 Jahre währt der Frieden in unserem Land. Immer noch ragt viel Schuld in unser Leben heute hinein. Immer noch leben viele Menschen, die Schlimmes im Krieg erlitten: die ganze Härte des Bösen im Krieg. Und auf der Flucht . Furchtbare Erlebnisse, die man sein Leben lang mit sich rumschleppt.
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Was aber ist das Böse, was ist das Gute? Und wo befinde ich mich? Aus eigener Erfahrung weiß ich nur zu gut, wie unendlich schwer es mitunter ist, Böses mit Gutem zu überwinden. Zu vergeben. Die Hand zu reichen zur Versöhnung. Auf die Liebe setzen.
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Wo kämen wir hin, wenn es sie nicht gäbe, die wahren Heldinnen und Helden. Keine blassen Dulder oder Schwächlinge. Sondern Menschen, die kraftvoll aus Ohnmacht und stummer Wut heraus das Unrecht benennen. Die das Gespräch wieder aufnehmen. Die unbeirrbar an Frieden und Versöhnung und Liebe zu glauben. Die klare Worte gegen Rassismus finden. Die auf die Liebe setzen.
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Ja, wo kämen wir hin? Wenn wir es nicht versuchen, so zu leben? In eine Endlosschlaufe von Unversöhnlichkeit im Kleinen? In eine Spirale von tödlicher Gewalt, Leid und immer neuer Gewalt im Großen? Ja, es gibt keinen besseren Weg als diesen: wieder und wieder, immer von Neuem, das Böse durch Gutes zu überwinden. Auf die Liebe zu setzen.
Also: ich setze auf die Liebe. Weiterhin. Und dann spüre ich ganz genau: Leben kann ich nur, wenn ich einen habe, auf den ich mich verlassen kann. Der mich mag und mich versteht. Der zu mir hält. Ich brauche ich jemanden, der nicht nach Zeugnis und Leistung urteilt. Der sich nicht bloß für Stärke und Erfolgreiche interessiert. Der wirklich auf mich eingeht. Mich versteht. Der auf die Liebe setzt.
Ja, ich setze auf die Liebe. Es ist so gut, wenn da eine ist, die mir keine Schuld zuschiebt. Mir hilft, die Last zu tragen. Die mein Gewissen erleichtert. Mich klar sehen lässt in Entscheidungen. Die meinem Leben den Sinn zeigt, auf den wir alle uns verlassen können. Die mir hilft, mich selbst zu verstehen. Die mich befreit von Unsicherheit und Angst. Die auf die Liebe setzt.
Als Christenmenschen wissen wir: Meine Taufe sagt mir, wer ich bin. Bei jeder Taufe setze ich auf die Liebe. Auf die Liebe Gottes. Auf Gottes Zusage: Du bist mein Kind, bist keine Nummer für mich! Du bist für mich unendlich wertvoll. Du bist auf deine Weise einzigartig, unverwechselbar. Ich bin bei dir. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich, Gott, habe dich lieb, heute und für alle Zeiten. Ich, Gott, setze auf die Liebe.
Auf die Liebe setzen. Ja. Immer wieder das Gute suchen. In der Gewissheit: ich bin selbst unendlich geliebt. Und spüren: ich bin von Gott geliebt. Ja. Gott liebt uns mit all seiner Liebe. Seine Liebe ist stärker als alle Mächte und Gewalten, alle Grausamkeiten und stärker auch als der Tod. Ich setze auf die Liebe! Setzen wir auf die Liebe, allem zum Trotz!
Funken göttlichen Glanzes
Funken göttlichen Glanzes
Endlich etwas mehr sehen vom göttlichen Glanz. Mehr erfahren, wo und wie Gott ist, warum Gott sich anscheinend manchmal verbirgt vor uns. Oder wir nichts von Gott spüren können.
Haben Sie sich das nicht auch schon manchmal gewünscht? Gerade jetzt, wo wir uns doch ganz besonders nach Geborgenheit sehnen. Die meisten sind doch müde von all den Einschränkungen und der Ungewissheit.
Vielen von uns ist in letzter Zeit klar geworden, wie wichtig es ist, dass wir etwas haben, was uns weiter blicken lässt als nur bis zum nächsten Tag. Unser Glaube will uns solch eine Perspektive eröffnen. Der Glaube daran, dass das Leben weiter geht, dass Gutes auf uns wartet, kann uns Trost und Kraft geben. Im Johannesevangelium bereitet Jesus die Jüngerinnen und Jünger darauf vor, wie sie ohne seine sichtbare und greifbare Nähe zurecht kommen können.
Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
Das Bild vom Weizenkorn, das können wir doch sicher alle gut nachvollziehen. Das kleine, unscheinbare Samenkorn, das aussieht wie tot, es wird begraben, liegt in der dunklen Erde und dort erwacht es zu neuem Leben.
Eigentlich kann ich mir das nicht wirklich vorstellen, wenn ich mir so ein Samenkorn anschaue. Aus Erfahrung weiß ich aber doch, dass es so ist. Dieses Weizenkorn muss sterben, damit etwas Neues daraus entstehen kann. Dass es letztendlich Frucht tragen kann.
Aus der Sicht des Johannes ist das ja auch schon geschehen, denn Jesu Geschichte hat sich schließlich weiter verbreitet. Der christliche Glaube ist schon am Wirken, weil Jesus gestorben ist, und die Menschen glauben, dass er auferstanden ist.
Die Sache Jesu geht jedoch weiter bis heute. Viele Menschen in der Welt haben im Laufe der Jahrhunderte dazu beigetragen, dass mit dem Tod Jesu nicht alles aus und vorbei war. Sein Tod hat etwas ausgelöst.
Der Glaube daran, dass in ihm Gott lebendig geworden ist, dass in seinem Tod Gottes Liebe zu den Menschen sichtbar wurde, hat etwas Fruchtbringendes bewirkt. Das Vertrauen darauf, dass an Ostern sichtbar wurde, dass das Leben, das Gott für uns bereithält, stärker ist als alles, sogar als der Tod, das macht uns bis heute Mut und gibt uns die Kraft weiterzumachen im Sinne dieses Jesus von Nazareth.
Die Vision von der neuen Welt Gottes, die in Jesus Christus angebrochen ist, einer Welt, in der Frieden und Gerechtigkeit herrschen und der Tod nicht mehr das letzte Wort haben wird, diese Vision gibt uns Hoffnung.
Sie macht uns stark gegen alles, was uns und unser Leben bedroht. Gegen alles, was uns die Lebensfreude rauben will, alles, was uns Angst macht.
Manchmal stirbt etwas ab, das ist wahr.
Wir können jedoch auch erleben, dass mit Gottes Hilfe immer wieder etwas Neues entstehen kann.
Menschen sind durchaus fähig, dazu beitragen, die Lebensbedingungen zu verändern. Wir alle haben so viele Möglichkeiten in uns, die wir nutzen können. Wir können gemeinsam immer wieder neue Ideen entwickeln. Gott schenkt uns Fantasie und Kreativität, die uns helfen, Gottes Liebe in unserem Leben lebendig zu machen. In uns können Funken des göttlichen Glanzes sichtbar werden.
Der erste schwarze Präsident Südafrikas, Nelson Mandela, den wir ja während unserer Zeit in Südafrika einmal persönlich kennenlernen durften, hat es in seiner Antrittsrede wunderschön formuliert: „Wir sind geboren, um den Glanz Gottes zu offenbaren, der in uns ist. Gottes Glanz ist nicht nur in wenigen von uns, Gottes Glanz ist in jedem Menschen.“
Lasst uns weiterhin von einer besseren Welt träumen, immer im Vertrauen darauf, dass die Träumenden, die Jesus Christus folgen, immer schon einen Schritt voraus sind auf dem Weg zum Reich Gottes.
Wenn ich einmal groß bin
Wenn ich einmal groß bin
Kinder träumen. Geheimagent zu werden. Prinz und Prinzessin auf einem Schloss zu werden. Schöne Kleider zu tragen. Ein berühmter Fußballspieler, Motorradschlosse-rin, Flugzeugingenieurin oder Erfinder zu werden. Groß raus kommen. Beliebt sein. Und Geliebt. Feuerwehrmann, Pilotin und Polizist. Wenn ich groß bin, werde ich … . Ein Satz aus Kindheitstagen. Kinder träumen vom Groß sein. Vom Machen. Davon die Welt zu verbessern.
Was war Dein Satz, als Du Kind warst? Wenn ich groß bin, werde ich … . Und was die Sätze deiner Eltern, Lehrerinnen und Freunde? Der Menschen, dort wo Du geboren wurdest. Zur Schule gegangen bist. Was ist aus deinem Satz geworden. Und aus den Sätzen der anderen. Aus dem „Das ist eine brotlose Kunst“, „Das schaffst du nicht“. „Das können wir uns nicht leisten“, „Du gehst in Stellung“, „Du übernimmst die Firma“? Kinder spüren das Sollen und Müssen. Das, was den Träumen und Wün-schen entgegen gehalten wird.
Was ist aus Deinem Satz geworden? Aus Deinen Wünschen und Träumen. Im Durch-einander von Krieg und Flucht, dem Nicht-Studieren-Dürfen, den Beurteilungen, die andere Dir gaben? Dem Versuch gut genug zu sein? Und dem „das kannst Du immer noch machen“, „Ich weiß, was gut für Dich ist.“, „Ich bin älter und habe Erfahrung.“ Kinder merken: „Du bist nicht o.k.“ Und „ich bin besser.“
Kinder mögen Superheldinnen und -helden. Batman, Superman. Und Wonder-Wo-man, Spiderman, Magical Girl. Einmal ganz stark sein. Sich durch die Lüfte schwin-gen. An Wänden rauflaufen. Ohne Seil und Haken. Einfach mal machen können. Stark sein. Ohne wenn und aber. Frei sein und stark. Als Baby warst Du mal furcht-los. Lautes Schreien, wenn Du nicht bekamst, was Du wolltest. Doch Dir war egal, was die anderen von Dir dachten. Deine Weigerung weiterzugehen. Und Dich einfach mitten auf die Straße setzen. Du hast gesagt, was Du dachtest.
Kinder bekommen Angst. Irgendwann: vom Beckenrand zu springen, „Du könntest ertrinken“. Fürchten sich allein. Abends, im Dunkeln im Bett. Vor der nächsten Klas-senarbeit. „Ich kann das nicht.“ „Ich schaff das nicht.“ Kinder bekommen gesagt. „Du kannst das nicht.“ „Du bist zu klein.“ „Das kannst du später immer noch machen.“ „Das ist gefährlich oder böse.“ „Mädchen machen das nicht.“ „Jungs sind stark und Mädchen brav.“ Und Gott sagt: „Sag nicht, ich kann das nicht.“
Jeremia ist jung. Gott sagt dem Jeremia. »Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.« Klingt hart, Gottes Antwort. Darauf Jeremia: »Ich will nicht. Ich kann nicht.« Und Gott: »Du sollst! Du gehst!« Da höre ich noch etwas: »Ich kenne Dich doch. Ich kenne Dich schon die ganze Zeit. Länger und besser als Du Dich selbst kennst. Du kannst das! Du schaffst das! Ich traue Dir das zu!« Und Gott redet weiter: »Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr.« »Hab keine Angst vor den Menschen. Fürchte Dich nicht vor dem Leben. Ich bin mit Dir. Ich tröste Dich. Ich helfe Dir. Du sollst Kraft haben und Mut. Ich rette Dich.« So spricht Gott zu Jeremia. Und zu mir. Und auch zu Dir.
Ganz am Anfang und am Anfang vom Anfang wusste Gott schon etwas von uns. Und wollte was für uns. Denn Gott weiß, das wir was können.Traut uns das zu. Den Jun-gen und Alten: Leben und Sein und Tun. Und Kraft und Liebe und Mut. Superheldin und Superheld sein. Ausreißen und Einreißen. Am Anfang war eine Stimme. Bevor Jeremia ging. Eine Stimme, die immer wieder sagt: Du bist jung, ja! Und „du kannst das“. Das macht stark. Macht Superheldin und Superheld. Und: Mach deine Erfah-rungen selbst. Sie sind dein Schatz. Bis weit in Dein Alter hinein!

Hiltrud Warntjen
Pfarrerin in Vechta
hiltrud.warntjen@kh-vec.de